Ich hatte gerade
erst meinen 13. Geburtstag gefeiert, als ich die erschreckende Nachricht
erhielt: wir mussten ausziehen.
Ich kam von der
Schule nach Hause und es schien ein guter Tag zu werden. Hatte ich doch eine
gute Note bekommen, die Sonne schien und ich hatte keine Hausaufgaben auf –
Jackpot.
Daheim angekommen
steckte ich den Schlüssel in den Zylinder und öffnete die Türe. Meine Mama
stand weinend im Wohnzimmer und nahm mich sofort zu sich. Mit feuerroten Augen,
verrotzter Nase und zittriger Stimme eröffnete sie mir, dass wir ausziehen
müssten und zwar unmittelbar. Ich war geschockt, doch der Knaller war damit
noch nicht erreicht. Mein Vater kam nach Hause, brüllte, schrie und war
aggressiver als je zuvor. Das er öfter mal aus der Haut fuhr war nichts neues,
doch diese tiefe Aggression hatte ich zuvor noch nie erlebt. Was er alles
sagte, kann ich heute gar nicht mehr wiedergeben, bis dieser eine Satz fiel: „Ich
ziehe zu meiner Mutter, guckt wie ihr klar kommt!“
Bäm, der Schlag
in die Fresse war ihm somit geglückt.
Meiner Mutter und
mir viel die Kinnlade herunter und wir wussten darauf nicht zu antworten.
Allerdings war eines Gewiss, egal wo wir hingehen würden, er käme nicht mit.
Mein Mann würde
dazu sagen: „Es gibt Tage da verliert man und es gibt Tage da gewinnen die
anderen.“ Aber nein, damit hat er Unrecht, denn an diesem Tage hatten meine
Mutter Julie, meine Schwester Angelique und ich gewonnen.
Mein Erzeuger
Achim verließ vorerst das Wohnzimmer und erst jetzt kam ich dazu zu fragen was
überhaupt passiert war. Meine Mutter machte es so kurz wie nur eben möglich,
musste sie doch schon mal ein paar Sachen in Sicherheit bringen.
„Wir müssen hier
raus, denn wir werden Zwangsgeräumt“, sagte sie noch immer weinend zu mir.
Was das genau
bedeutete würde ich noch erfahren, aber vom Prinzip her war es klar.
„Wir konnten die
letzten 3 Monatsmieten nicht bezahlen und nun kommen Leute, die unsere Sachen
in Container packen und uns quasi rausschmeißen“, erklärte sie mir.
In Ordnung, soweit
war alles klar, dennoch war ich verwirrt und irritiert.
Erst kürzlich
hatten wir uns unseren ersten PC gekauft, einen von Medion mit Windows 95. Mein
Vater war Mitglied in einem Sparclub und einmal im Jahr gab es die Auszahlung,
inklusive Weihnachtsfeier.
Ich fragte mich,
wie wir uns einen Computer leisten, aber nicht das Geld für die Miete
aufbringen konnten.
Mir war klar,
dass mein Erzeuger nicht viel verdiente, war er doch nur Taxifahrer. Aber es
gab auch Arbeitslosengeld, da der Herr das Amt hinterging. Lediglich ein Teil
des Lohns kam auf sein Konto,
den Rest gab es
bar auf die Kralle und so hatten wir offiziell zu wenig zum Leben und bekamen
Unterstützung vom Staat.
Dennoch war es zu
wenig Geld, um leben zu können wie man es gerne würde. Bereits 1 ½ Wochen vor
Monatsende gab es nur noch Nudeln oder Pommes zu essen, der Kühlschrank war
nahezu leer. Das war ich bereits gewohnt und eigentlich kannte ich es nicht
anders. Seit Jahren war es nicht anders und meine Mutter tat wirklich alles in
ihrer Macht stehende damit es uns an nichts fehlte.
Dann fragte ich
nicht nur mich, sondern auch meine Mama danach wie es so weit kommen konnte. Ihre
Antwort war klar und verständlich: „Jessi, wir hatten einfach zu wenig Geld um
die Mieten zahlen zu können. Ich wollte es von dem Geld aus der
Sparclubauszahlung bezahlen, aber dann kam dein Vater einfach mit dem Computer
an.“
Ja, so ist er. Er
denkt nur an sich und seinem Vergnügen, nicht an seine Familie.
Plötzlich war ich
wütend und glücklich zugleich. Wütend darüber was er uns angetan hatte, was er
meiner Mutter angetan hatte und himmelhochjauchzend über seine zukünftige
Abwesenheit in dieser Familie. Sollte er doch ruhig zu seiner Mutter ziehen und
uns in Stich lassen, wir brauchten ihn nicht.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen