Samstag, 16. November 2013

Erinnerungen



Ich liege neben meine Schwester im Etagenbett. Obwohl es 2 Etagen hat und wir uns ständig die Köpfe einschlagen, schlafen wir dennoch zusammen im unteren Bett.
An diesem Abend ist meine Mama nicht da, sie ist mit ihrer besten Freundin und einem Freund aus.

Plötzlich geht das Licht an und die Türe langsam auf. Zuerst bin ich leicht verwirrt, denn das geschieht eigentlich nur wenn Mama nachts von der Arbeit kommt.
Nach mehrmaligem Blinzeln erscheint ein Schatten vor meinen Augen und ich sehe meinen Vater über uns gebeugt.
Was will er nur von uns?

Leicht rüttelt er an meine Schulter und sagt: „Jessica, komm bitte mit ins Wohnzimmer.“
Ohne meinen Daumen aus dem Mund zu nehmen, antworte ich ihm mit „Nein“.
Meine Schwester jedoch nimmt er schlaftrunken mit.

Die Augen noch zu überlege ich was wohl los ist. Mein Vater hat meine kleine, süße Schwester mit ins Wohnzimmer genommen und das mitten in der Nacht. Irgendwas stimmt da nicht.

Ich habe lange überlegt was mich dazu bewegte, aber eine Antwort fiel mir dennoch nicht ein.
Was brachte mich dazu auch nur im Entferntesten daran zu denken? Ich weiß es nicht und vielleicht will ich es auch gar nicht mehr wissen.

Mein einziger Gedanke ist: „Was ist, wenn er sie anfasst? Was soll ich nur tun, wenn er sie dort berührt, wo er sie nicht berühren darf?“
Ich stehe also auf und schleiche langsam in Richtung Wohnzimmer. Ohne Licht. Ohne ein Geräusch. Ohne zu atmen.

Als ich vor der geschlossenen Türe stehe, halte ich inne und schaue durch das Schlüsselloch.
Da sitzt sie schlafend auf seinem Schoß, angezogen und ihr Gesicht bedeckt von ihren hübschen, braunen Löckchen.
Er schaukelt sie in seinen Armen und weint wie ein Baby, …ja, wie ein Baby. Mit Rotz‘, Tränen und roten Augen.
„Es ist alles in Ordnung“, denke ich mir. Er berührt sie nicht in ihrem Schritt. Macht keine bösen Dinge mit ihr.

Ich gehe wieder ins Bett – ich bin 6 Jahre alt.