Donnerstag, 4. Juni 2015

1997



Ich hatte gerade erst meinen 13. Geburtstag gefeiert, als ich die erschreckende Nachricht erhielt: wir mussten ausziehen.
Ich kam von der Schule nach Hause und es schien ein guter Tag zu werden. Hatte ich doch eine gute Note bekommen, die Sonne schien und ich hatte keine Hausaufgaben auf – Jackpot.
Daheim angekommen steckte ich den Schlüssel in den Zylinder und öffnete die Türe. Meine Mama stand weinend im Wohnzimmer und nahm mich sofort zu sich. Mit feuerroten Augen, verrotzter Nase und zittriger Stimme eröffnete sie mir, dass wir ausziehen müssten und zwar unmittelbar. Ich war geschockt, doch der Knaller war damit noch nicht erreicht. Mein Vater kam nach Hause, brüllte, schrie und war aggressiver als je zuvor. Das er öfter mal aus der Haut fuhr war nichts neues, doch diese tiefe Aggression hatte ich zuvor noch nie erlebt. Was er alles sagte, kann ich heute gar nicht mehr wiedergeben, bis dieser eine Satz fiel: „Ich ziehe zu meiner Mutter, guckt wie ihr klar kommt!“
Bäm, der Schlag in die Fresse war ihm somit geglückt.
Meiner Mutter und mir viel die Kinnlade herunter und wir wussten darauf nicht zu antworten. Allerdings war eines Gewiss, egal wo wir hingehen würden, er käme nicht mit.
Mein Mann würde dazu sagen: „Es gibt Tage da verliert man und es gibt Tage da gewinnen die anderen.“ Aber nein, damit hat er Unrecht, denn an diesem Tage hatten meine Mutter Julie, meine Schwester Angelique und ich gewonnen.
Mein Erzeuger Achim verließ vorerst das Wohnzimmer und erst jetzt kam ich dazu zu fragen was überhaupt passiert war. Meine Mutter machte es so kurz wie nur eben möglich, musste sie doch schon mal ein paar Sachen in Sicherheit bringen.
„Wir müssen hier raus, denn wir werden Zwangsgeräumt“, sagte sie noch immer weinend zu mir.
Was das genau bedeutete würde ich noch erfahren, aber vom Prinzip her war es klar.
„Wir konnten die letzten 3 Monatsmieten nicht bezahlen und nun kommen Leute, die unsere Sachen in Container packen und uns quasi rausschmeißen“, erklärte sie mir.
In Ordnung, soweit war alles klar, dennoch war ich verwirrt und irritiert.
Erst kürzlich hatten wir uns unseren ersten PC gekauft, einen von Medion mit Windows 95. Mein Vater war Mitglied in einem Sparclub und einmal im Jahr gab es die Auszahlung, inklusive Weihnachtsfeier.
Ich fragte mich, wie wir uns einen Computer leisten, aber nicht das Geld für die Miete aufbringen konnten.
Mir war klar, dass mein Erzeuger nicht viel verdiente, war er doch nur Taxifahrer. Aber es gab auch Arbeitslosengeld, da der Herr das Amt hinterging. Lediglich ein Teil des Lohns kam auf sein Konto,
den Rest gab es bar auf die Kralle und so hatten wir offiziell zu wenig zum Leben und bekamen Unterstützung vom Staat.
Dennoch war es zu wenig Geld, um leben zu können wie man es gerne würde. Bereits 1 ½ Wochen vor Monatsende gab es nur noch Nudeln oder Pommes zu essen, der Kühlschrank war nahezu leer. Das war ich bereits gewohnt und eigentlich kannte ich es nicht anders. Seit Jahren war es nicht anders und meine Mutter tat wirklich alles in ihrer Macht stehende damit es uns an nichts fehlte.
Dann fragte ich nicht nur mich, sondern auch meine Mama danach wie es so weit kommen konnte. Ihre Antwort war klar und verständlich: „Jessi, wir hatten einfach zu wenig Geld um die Mieten zahlen zu können. Ich wollte es von dem Geld aus der Sparclubauszahlung bezahlen, aber dann kam dein Vater einfach mit dem Computer an.“
Ja, so ist er. Er denkt nur an sich und seinem Vergnügen, nicht an seine Familie.
Plötzlich war ich wütend und glücklich zugleich. Wütend darüber was er uns angetan hatte, was er meiner Mutter angetan hatte und himmelhochjauchzend über seine zukünftige Abwesenheit in dieser Familie. Sollte er doch ruhig zu seiner Mutter ziehen und uns in Stich lassen, wir brauchten ihn nicht.